LVI auf den Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen in Joinville

Die Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage fanden in diesem Jahr am 21. und 22. September zum nunmehr dritten Mal im Bundesstaat Santa Catarina statt. Die zweitägige, vom BDI und seinem brasilianischen Partner-Verband CNI organisierte, Veranstaltung in Joinville, an der insgesamt rund 1.200 Teilnehmer anwesend waren, stand unter dem Motto „Kooperation überwindet Herausforderungen“. Als einen ganz wesentlichen Ansatz für die Überwindung der Stagnation der brasilianischen Wirtschaft wurde von beiden Seiten eine Innovationsoffensive gesehen. Besondere Aufmerksamkeit konnte dabei die portugiesische Übersetzung des über die Steinbeis-Stiftung publizierten Buches „InQ-InnovationsQualität“ verbuchen, das Wolfgang Wolf in der Plenarveranstaltung vorstellten konnte.

Der im vergangenen Jahr begonnene bilaterale Innovationsdialog - der Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an einen Tisch bringen solle und an dem aus unseren Reihen Franziska Koch (SIBE/Steinbeis Hochschule), Matthias Dostler (Steinbeis- und LVI-Repräsentant in Brasilien) und Wolfgang Wolf mitwirkten -  fand in einer zweiten Runde bereits am Vortag der Eröffnung in Joinville statt und stand unter der gemeinsamen Leitung von Wilson Briscio (Präsident von ZF Südamerika) und Norbert Lütke-Entrup (Siemens AG und Vorstandsmitglied des BDI/BDA-Ausschusses für Forschungs-, Innovations- und Technologiepolitik). Die Teilnehmer tauschten sich über den Stand einer ganzen Reihe bereits laufender Projekte aus, verständigten sich über die nächsten Schritte und erarbeiteten Empfehlungen an die Politik beider Staaten, wie die Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit verbessert werden können.



Das von Steinbeis-Experten (Professoren Werner G. Faix, Jens Mergenthaler und Michael Auer) gemeinsam mit LVI-Beiratsmitglied und Vorsitzendem des LVI-Arbeitsausschusses Bildung, Forschung und Technologie, Prof. Dr. Rolf-Jürgen Ahlers, herausgegebene und ins Portugiesische übersetzte Buch „Innovationsqualität – Über den Wert des Neuen“ wurde dann gemeinsam vom Direktor des Industrieverbandes Santa Catarina (FIESC/IEL), Natalino Uggioni, und dem geschäftsführenden LVI-Vorstandsmitglied Wolfgang Wolf vorgestellt, bevor Franiska Koch den Anfang 2016 startenden, von der SIBE (School of International Business and Entrepreneurship der Steinbeis Universität) entwickelten und mit FIESC/IEL eng abgestimmten Masterstudiengang erläuterte, an dessen erfolgreichen Ende ein Master of International Business Administration steht.

In seinem Vortrag wies Wolfgang Wolf zunächst darauf hin, dass die Wirtschaft Brasiliens bekanntermaßen stagniere. Dies habe sicherlich mehrere Ursachen; eine nicht unwesentliche stelle aber die zu geringe Innovationsdynamik dar. Ein Weg aus Brasiliens Wirtschaftskrise hin zu mehr internationaler Wettbewerbsfähigkeit führe über Innovationen. Bislang gebe Brasilien nur rund 1,2 % seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus, wobei nur der kleinere Teil von privaten Unternehmen aufgebracht werde. Demgegenüber betrage der Anteil von Aufwendungen in Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt in Baden-Württemberg aktuell rund 5,2 %. Damit sei Baden-Württemberg die innovativste Region in Europa. Entscheidend dabei sei aber, dass mehr als 80 % dieser Aufwendungen nicht von staatlicher Seite erbracht werden, sondern von Unternehmen, die naturgemäß den Erfolg am Markt im Auge haben müssen. Baden-Württemberg sei innerhalb Deutschlands auch die wachstumsstärkste Region und werde auch 2015 wieder über dem Bundesdurchschnitt wachsen. Demzufolge bestehe ein signifikanter Zusammenhang zwischen Innovationskraft und Wachstum einer Volkswirtschaft – Brasilien mit einer sehr geringen Innovationsdynamik weise kein Wachstum auf, Baden-Württemberg hingegen mit einer sehr hohen wachse.



Für Wachstum und vor allem für die Prosperität von Unternehmen existierten drei Erfolgsfaktoren. Diese lauteten: Innovation – Innovation – Innovation; und zwar Innovation mit Qualität. Das bedeute: Was ist die Innovation für das Unternehmen wert, wieviel Umsatz und Ertrag können damit erzielt werden? Unternehmer seien gezwungen, Neues und Verändertes zu generieren, damit sie im Wettbewerb bestehen können oder – besser noch – ihre Wettbewerber hinter sich zu lassen. Im Umkehrschluss bedeute dies: Unternehmen, die „stehen bleiben“, fallen automatisch zurück oder werden gar vom Markt verdrängt.

Eine gute Idee stelle keine Innovation dar. Vielmehr sei InnovationsQualität dann gegeben, wenn eine  gute Idee für das Unternehmen „wertschöpfende Wirklichkeit“ geworden sei. Wer  InnovationsQualität realisieren wolle, müsse InnovationsQualitäts-Ziele definieren und für jedes dieser Ziele entsprechende Projekte aufsetzen. Und jedes InnovationsQualitäts-Projekt müsse mit sehr guten, innovativen Menschen besetzt werden – diese aber seien weltweit rar.
Ohne den „schöpferisch denkenden und handelnden Menschen“ im Sinne Schumpeters bleibe eine Idee lediglich ein „Hirngespinst“. Gefordert seien deswegen Innovatoren, also Menschen, die Ideen verwirklichen. Wie aber könne jedoch eine Gesellschaft und wie der Einzelne sicherstellen, dass innovatives Potenzial entstehe und auch erhalten bleibe? Die Antwort laute: Bildung, immer wieder Bildung!

Der LVI und Steinbeis böten gerne in enger Kooperation mit FIESC/IEL ein Programm an (das im Anschluss noch konkret vorgestellt wurde), das für die Unternehmen InnovationsQualitäts-Projekte definiere, erfolgreich mit jungen, innovativen und gut ausgewählten Akademikern umsetze und auf diese Weise für das jeweilige Unternehmen „wertschöpfende Wirklichkeit“ werden lasse. Dabei sollten und könnten auch zahlreiche Projekte zum Aufbau neuer, erfolgreicher Geschäftspartnerschaften zwischen brasilianischen und deutschen Unternehmen realisiert werden.

Zum Abschluss richtete Wolfgang Wolf noch einen Appell an die politisch Verantwortlichen in Brasilien, indem er deutlich machte, dass Treiber des stetigen und heftigen Wandels das Wesen der Marktwirtschaft sei, deren inhärente Eigenschaften zum Wandel beitrügen. Letztlich entscheide der Markt über Erfolg oder Misserfolg; er sei der Gradmesser für Wettbewerbsfähigkeit. Dies dürfe nicht dadurch unterlaufen werden, dass Märkte abgeschottet werden, was letztlich gerade der so „geschützten“ Volkswirtschaft zum Nachteil gereiche. Vielmehr benötigten Innovationen offene Märkte. Drastisch ausgedrückt gelte, dass abgeschottete Märkte gerade dort Innovationen verhinderten. In einer globalisierten Wettbewerbswelt führe dies zu Rückschritten in solchen „Abschottungsregionen“ – wie das Beispiel Brasilien ja leider nur zu deutlich zeige.